Zentrale Veranstaltung zum Holocaustgedenktag in Aachen: Eindrucksvolles Gedenken und klare Forderungen

von Rudolf Schroeder

Ein breites Bündnis hatte zum Holocaustgedenktag in die Citykirche eingeladen. Der Politikwissenschaftler Grigat greift dabei „Teile der Linken“ scharf an.

„Das Iran-Regime muss gestürzt werden. Denn der Iran ist der maßgebende Protagonist des Antisemitismus‘ und die größte Gefahr für Israel.“ Mit diesen Worten hat der Leiter des Centrums für Antisemitismus- und Rassismusstudien an der Katholischen Hochschule NRW, Prof. Stephan Grigat, erneut aufhorchen lassen. Anlass der Rede war eine zentrale Veranstaltung in der ökumenischen Citykirche in Aachen zum Holocaustgedenktag, der an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 81 Jahren erinnert. Mehr als sechs Millionen Menschen jüdischen Glaubens waren von den Nationalsozialisten ermordet worden.

Es dürfe nicht beim Gedenken und Erinnern bleiben, vielmehr müsse konkret und entschlossen gehandelt werden, sagte der Politikwissenschaftler vor mehr als 200 Menschen in der Kirche, die der Einladung eines breiten Veranstalterbündnisses gefolgt waren. Dabei legte er seinen Fokus nicht auf die AfD oder den Rechtsextremismus in Deutschland, sondern vor allem auf den Iran, „dessen Staatsräson die Leugnung des Holocaust“ sei. Deshalb müsse der Kategorische Imperativ Kants umgesetzt werden, und zwar in dem Sinne, dass angesichts des Holocausts Denken und Handeln so einzurichten seien, dass Auschwitz sich nie wiederholen und nichts Ähnliches je wieder geschehen dürfe. Grigat: „Dieser Kategorische Imperativ darf nicht zu einem folgenlosen Apercu werden. Deshalb ist Solidarität mit dem Staat Israel vonnöten und mit dessen militärischer Selbstverteidigung gegen Antisemitismus.“

Teile der politischen Linken stellten Singularität und Präzedenzlosigkeit des Holocaust infrage, der postkoloniale Diskurs sei Mainstream geworden und von Linken veranstaltete Demonstrationen verliefen antisemitisch, den Holocaust relativierend und gipfelten in Genozid-Vorwürfen, konstatierte Grigat. Während im Iran „Holocaust-Leugner aus aller Welt zu Konferenzen“ zusammenkämen, verweigere man in Deutschland den in Israel lebenden Juden „wirkliche Solidarität und das Recht auf einen sicheren Heimathafen“. So beteilige sich Deutschland („wie auch Österreich“) als „Steigbügelhalter des Antisemitismus“, indem man beispielsweise auf der Frankfurter Buchmesse zulasse, „dass dort jedes Jahr Stände mit Holocaust-Leugnungen aufgebaut sind“.

Grigat rief in Erinnerung, dass der von Hitler verordnete Antisemitismus weit über den Antijudaismus hinausgegangen sei. Es sei ein „Antisemitismus der Vernunft“ gewesen, wie Hitler ihn genannt habe, nicht der Leidenschaft, denn die hätte Ausnahmen zugelassen. Der reine Antisemitismus der Vernunft sei absolut unerbittlich und radikal gewesen: „Er zielte auf Entrechtung, Entmündigung, Konzentration, Deportation, Vernichtung und Massenmord.“

Für die Stadt Aachen sprach Bürgermeister Sebastian Becker (SPD): „Wir haben als aufrechte Demokraten die Pflicht, uns mit allen Mitteln, die der Rechtsstaat uns gibt, dem Antisemitismus entgegenzustellen und Konsequenzen zu ziehen, indem wir wachsam sind gegen Geschichtsvergessenheit und Menschenfeindlichkeit.“

Rabbiner Bryan Weisz erzählte von einem persönlichen Erlebnis in Lüttich, wo er „mit Kippa unterwegs“ im Bahnhof mutmaßlich von Palästinensern angegriffen, geschlagen und verletzt worden sei. Er habe um Hilfe gerufen, niemand habe ihm beigestanden. Weisz: „Die Demos gegen Israel sind ein Nährboden für Judenhass und Antisemitismus. Das sollten wir nicht einfach hinnehmen, sondern wir müssen reagieren. Wenn Menschen Hass verbreiten, müssen wir sie zur Rede stellen.“

Die Gedenkfeier in der Citykirche wurde musikalisch umrahmt durch das Quartett Dance of Joy, dem es virtuos und mit enormem Einfühlungsvermögen gelang, „das Gesagte erträglicher zu machen“, wie Pfarrer Timotheus Eller formulierte. Nach fast zwei Stunden voller Intensität sagte Eller einfach Danke – im Namen aller Veranstalter: der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, der Jüdischen Gemeinde Aachen, der Volkshochschule Aachen, der Bischöflichen Akademie Aachen, dem Gedenkbuchprojekt für die Opfer der Shoa aus Aachen und der Ökumenischen Kirche St. Nikolaus Aachen.

Quelle: Aachener Zeitung, 17.1.2026