Aus Erinnerung muss Verantwortung werden
von Rudolf Schroeder
Bewegende Erinnerungsfeier im Centre Charlemagne zum Gedenken an jüdische Künstlerinnen und Künstler am Theater Aachen – mit Videoprojekt von Schülern und Schülerinnen des Gymnasiums St. Leonhard.
„Seien wir Menschen!“ Der Aufruf von Bettina Offergeld, erste Vorsitzende des Gedenkbuchprojekts für die Opfer der Shoa in Aachen, brachte die Botschaft auf den Punkt. Genauso Offergelds Umwandlung der oft gestellten Frage „Warum haben Juden das mit sich machen lassen?“ in die Gegenfrage: „Warum habt ihr das geschehen lassen und weggeschaut?“
An diesem Abend des 27. Januar, des Internationalen Tags des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, wurde auf der den jüdischen Künstlerinnen und Künstlern des Theater Aachen gewidmeten Feier im Centre Charlemagne hingeschaut: schmerzhaft emotional, extrem berührend und zutiefst erschütternd. Im Verbund hatten das Gedenkbuchprojekt, das Theater mit seiner Ausstellung „Bravo! Bravissimo! 200 Jahre Theater Aachen“, das Centre Charlemagne und die „Wege gegen das Vergessen“ der Volkshochschule eingeladen zur Erinnerung an die jüdischen Menschen am Theater, die im Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden. In jedem Beitrag – in Wort, Bild oder Musik – wurden die Wege gegen das Vergessen beschrieben und nachgezeichnet: in ihrer Erweiterung einstehend für eine aktive Erinnerungskultur samt dringend erforderlicher Handlungskonsequenzen durch Haltung und Taten.
Einer von zahlreichen Höhepunkten der Veranstaltung: das Videoprojekt von acht Schülerinnen und Schülern der Klasse 10 des Gymnasiums St. Leonhard zu ihrer Auseinandersetzung mit der NS-Geschichte und der Erinnerung an den Holocaust in Aachen. Fazit: Die Statements sind authentisch, kritisch, selbstkritisch, sich des Halb- und Unwissens bewusst, Lehren ziehend, Konsequenzen einfordernd und gipfeln in dem Anspruch, Erinnerungs- und Gedenkkultur zu fördern, denn „die Zeit des Nationalsozialismus darf nicht in Vergessenheit geraten“. Geschichte, die bleibt? Ja, auf jeden Fall, lautete der Tenor. Klassenlehrerin Annick Tassot-Schorr hatte der Gruppe freie Hand gelassen. Sie dankte es mit großem Engagement weit über den Geschichtsunterricht hinaus bis hin in ihre Freizeit.
Nicht minder beeindruckend die Darbietung der Schauspieler Bettina Scheuritzel und Benedikt Voellmy, die aus den Biografien verfolgter jüdischer Künstler am Theater Aachen lasen – vornehmlich aus den Lebensläufen von Else Clahsen und Leo Fischer. Die Texte waren aufgrund der Intensität von geschilderter psychischer und physischer Gewalt so bewegend, dass den Profis im Vortrag immer wieder die Stimme versagte – keine Inszenierung, sondern echte Betroffenheit angesichts des Unsäglichen. Da kam es zupass, dass die musikalischen Einlagen von Nadja Nevolovitsch und ihrer Meisterschülerin Seeun Chang (Violine) von der Hochschule für Musik und Tanz Köln, Standort Aachen, für eine gleichsam erlösende Auflockerung sorgten.
Ulla Griepentrog, zweite stellvertretende Bürgermeisterin der Stadt, sagte: „Dieser Tag ist ein Tag der Trauer, des Innehaltens, der Mahnung und des Auftrags, zu widersprechen und demokratisch zu handeln.“ Elena Tzavara, Generalintendantin des Theater Aachen, merkte an: „Antisemitismus, Rassismus und autoritäres Denken sind Teil der Gegenwart, das Vergessen ist eine zweite Form der Gewalt.“ Und die Direktorin der Volkshochschule Aachen, Beate Blüggel, wies darauf hin, dass die „Wege gegen das Vergessen“ bei der VHS (betreut durch Antje Thul, die den Abend mit viel Feingefühl moderierte) in diesem Jahr 25 Jahre alt werden. Dieser 27. Januar, so Blüggel, gebiete auch, den Blick nach vorn zu richten, für die Freiheit, Menschenwürde und Demokratie einzustehen. Die Schüler hätten viele Fragen gestellt, manchmal unbequeme, aber unbedingt notwendige: „Aus Erinnerung muss Verantwortung werden.“
Quelle: Aachener Zeitung, 29.1.2026

